Osterfrühling in der Pandemie

Elisabeth hat ein farbenfrohes Osterfrühstück nur für zwei auf der Terrasse angerichtet. Besucher sind keine da. Der Morgen ist warm und alles sieht auf den ersten Blick recht friedlich aus, aber:

Weltweit ist das Leben für die Menschen nicht mehr so, wie es vor kurzem noch war. Wir in Österreich sind dank frühzeitig angeordneter und wirkungsvoller Maßnahmen verhältnismäßig gut im Corona-Abwehrkampf unterwegs. Mittels weitgehender Vermeidung von sozialen Direktkontakten, dem Verbot von Veranstaltungen, dem Tragen von Mund- und Nasenschutzmasken in vielen Bereichen, der Schließung von Kindergärten, Schulen und Universitäten, einem weitgehenden Home-Office, viel Kurzarbeit usw. konnte eine zu extreme Eskalation von Covid-19-Infektionen verhindert werden. Viele Menschen sind durch diese Vorgaben der Regierung aber in eine auf Dauer schwer verkraftbare Isolation geschlittert: Kinder können ihre Freunde oder Omas/Opas nicht mehr besuchen, Kontakte zu Arbeitskollegen finden häufig nur mehr via Telefon bzw. Video-Meetings statt. Eine beachtliche Zahl der unabkömmlichen Einsatzkräfte arbeitet unter besonders erschwerten und ansteckungsgefährdeten Bedingungen trotzdem weiter (Gesundheits-, Pflege- und Reinigungspersonal, Beschäftigte im Produktions- und Verteilungsbereich, die Exekutive, viele Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft um nur einige zu nennen). Eltern und Schüler sehen sich plötzlich mit ungewohnt forderndem Homeschooling konfrontiert. Zu den Problemen wegen fehlender Sozialkontakte kommen die Sorgen um den wirtschaftlichen Fortbestand vieler Firmen und damit einhergehend die Unsicherheit für viele Menschen um das persönliche finanzielle Auskommen. Die Arbeitslosigkeit ist enorm angestiegen. Eine weltweit beachtliche Rezession wird mit hoher Sicherheit bereits prognostiziert. Zu all dem bleiben die Zukunftsperspektiven zur Zeit sehr im Nebulosen: Es gibt momentan weder eine sichere Medikation bei Erkrankung mit dem Virus, noch ist ein Impfstoff in naher Zukunft in Sicht. Eine gut überstandene Infektion brächte für den Einzelnen wahrscheinlich die notwendige Immunität für zumindest einige Monate, aber wer will das riskieren. Vor allem die ältere Generation darf das nicht, viele könnten es mit dem Leben bezahlen und einige – weltweit sehr viele – haben es schon. Bleibt also weiterhin auf unbestimmte Zeit nur die weitgehende Kontaktvermeidung – bis es zu einer sogenannten Herdenimmunität durch überstandene Erkrankungen bzw. wirksame Impfungen kommt. Eventuelle Lockerungen der Einschränkungen werden zwar langsam kommen, können aber nur insoweit erfolgen, wie das Gesundheitssystem nicht überfordert wird und werden sicher vorerst nur national möglich sein. International gesehen ist die Corona-Pandemie in vielen Ländern erst am Anfang. Die Reisefreiheit, speziell ins Ausland, wird bestimmt noch länger auf sich warten lassen.

Man muss die Feste feiern wie sie fallen:

Privat gesehen sind alle Treffen abgesagt – auch Verwandtenbesuche unterschiedlicher Haushalte sind verboten. Gerade zum Osterfest war auch in unserem Familienverband immer eine Zusammenkunft üblich. Im Jahr 2020 geht das nicht. Unsere vom Osten Österreichs bis zum Westen und Norden Deutschlands verstreute Gemeinschaft ist zusätzlich durch gesperrte Landesgrenzen geteilt. Grenzenlos ist zum Glück noch immer das Internet, also darf es heuer erstmalig und hoffentlich einmalig ein Video-Meeting sein. Nach etwas technischen Problemen können wir uns via „jitsi.org“ mit unseren drei Söhnen und deren Familien auf den jeweiligen Heimgeräten mit Bild und Ton zusammenschalten und eine Stunde lang die eingeschränkten Freuden der Coronazeit besprechen. Für die Kindern ist es erst sehr aufregend, aber bald auch zu langweilig. Jana, das jüngste Mitglied der Runde, verschläft das virtuelle Treffen im Gitterbett, aber zumindest ihr Stoffhase schafft es stellvertretend auf den folgenden Schnappschuss, so ist das Dutzend voll:

Im Uhrzeigersinn ab 12 Uhr: Wien, Berlin, Grönenbach und Ranshofen!

Im christlichen Neuen Testament wandern am Ostermontag zwei Jünger Jesu hinaus nach Emmaus und wundern sich dort, dass der schwere Stein vorm Grab schon weggewälzt ist. Unser Pandemie-Brocken ist es nicht, unsere Auferstehung lässt noch auf sich warten, aber ein Spaziergang hinaus in die erwachte Natur bei Vermeidung von engeren Kontakten mit anderen Wanderern ist erlaubt. Elisabeth und ich fahren mit dem Auto wenige Kilometer von Ranshofen Richtung Burghausen und parken in Oberrothenbuch nahe der Mündung des Griesbachs in den Inn. Nun wandern wir von der Ebene des Inntales durch den Wald und eine aufgelassene Schottergrube die Stufe hinauf Richtung der höher gelegenen Ortschaft Roith. Oben halten wir uns links und schlendern einem alten Bauernsacherl zu:

Hinter herrlich blühenden Birnbäumen duckt sich ein altes Haus – heute Weber-Sölde genannt.

Wir sind alleine unterwegs, niemand kommt uns in die Nähe und mir kommt ein Gedicht aus der Schulzeit in den Sinn. Es ist kein geringeres als J. W. von Goethes Osterspaziergang aus seinem Faust I. Ich kann meiner Frau zumindest die erste Strophe noch vollständig wiedergeben: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ….“! Ja, die Vegetation ist heuer schon sehr weit fortgeschritten, wohl um einiges weiter als damals gegen Ende des 18. Jahrhunderts zur Zeit des Dichterfürsten. So ist die Stelle mit „… doch an Blumen fehlts in Revier. Sie nimmt geputzte Menschen dafür. …“ nicht sehr zutreffend. Niemand ist hier festlich gekleidet, aber eine bunte Zahl von Frühjahrsblühern säumt dafür die Wegränder und bringt Farbe ins Grün der Landschaft. Wie gut, dass mein Smartphone in der Hose steckt. Während wir uns in unserer Spazierrunde durch eine Tell’sche hohle Gasse wieder ins Inntal absenken und dieses in einem Bogen durchwandern, da werden quasi im Vorbeigehen ein paar Farbtupfer in den digitalen Speicher eingefangen. Du kannst die nachfolgende kleine Sammlung gerne mittels Touch oder Klick für dich vergrößern. Erwarte dir aber keine hochgezüchteten Gärtner-Exemplare. Hier findest du nur das einfache Glück einer fast naturbelassener Flur – von Wald, Feld, Wiese, Gewässer oder dem bäuerlichen Obstgarten:

Lassen wir den von der Krise Abstand gewinnenden und erholsamen Osterspaziergang mit Goethe im Gedicht versmelodisch ausklingen:
„Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“!

Zurück in der pandemisch gefährlichen bis tödlichen Realität schafft ein gewisser US-Präsident, bekannt für seine Alternativen Fakten, gerade zur Osterzeit einen wohl nicht gewollten Rekord (bald wird er diesen als Fake bezeichnen):

Nun legt er sich gerade mit den Gouverneuren einiger Bundesstaaten an, die seine unkoordinierten Maßnahmen nicht mittragen können. Schuld an der Misere ist zudem natürlich nicht er, der zu lange die Gefahr missachtete, sondern vor allem die WHO, der er nun Versäumnisse vorwirft und die Mitgliedsbeiträge streichen will. Gerade jetzt in dieser globalen Krise bräuchten wir Führer mit Teamgeist und Weitblick – keine Egomanen im Wahlkampfmodus.

An uns liegt es, von Typen a la Trump und natürlich vom Corona-Virus Abstand zu halten – dann kriegen wir das hin und bleiben hoffentlich gesund! Für nächstes Jahr wünschen wir dem Osterhasen und uns eine bessere Saison.

Veröffentlicht von ANTE

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Ein Kommentar zu “Osterfrühling in der Pandemie

  1. TOLL!!! Warum gehst du nicht unter die Schriftsteller oder ähnliche Zunft, du hättest die Gabe dazu. Es war ein Erlebnis und Vergnügen deine „Ostergeschichte“ zu Coronazeiten zu lesen. Ich bewundere auch deine digitalen Fertigkeiten, die Videonachrichten mit Geburtstagsständchen und Familienzusammenkünfte ermöglichen. Vielen Dank, dass wir „dabei“ sein durften. Inge

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